little asian girl crying and hugging her mother

„Sie müssen ihre Eltern doch verstehen, ihnen verzeihen!“ Dieser häufig und oft vorschnell von Therapeuten unterbreitete Vorschlag steht einer wirklichen Versöhnung zwischen Eltern und Kindern oft im Weg. Unterdrückte Gefühle und Gedanken müssen erst gefühlt und gedacht werden dürfen, bevor Frieden einkehren kann.

Inspiriert zu diesem Beitrag hat mich der Artikel „Verletzte Seele: Versöhnung mit der eigenen Kindheit“ im Spiegel.  Ich will ihn ein wenig akzentuieren. 

Die Beziehung zu unseren Eltern ist – ob wir dies wollen oder nicht – die erste und grundlegende Orientierung in unserem Leben. In ihr wird fast alles erlebt und gelernt, was uns im späteren Leben zur Verfügung steht. Im Guten wie im Schlechten. Erst wenn wir uns als Erwachsene mit ihr auseinandergesetzt und das grundlegende Puzzle unseres Lebens gelöst haben, steht uns die ganze Kraft und das volle Potential eines selbstbestimmten zur Verfügung.

In meiner therapeutischen Arbeit und auch im ONE Next Step – Training erlebe ich immer wieder die oft erschreckende Brisanz dieses Zusammenhangs.

 Weglaufen hilft nicht.

Weggucken – Verdrängen, Verleugnen – „Ich will mit dem alten Kram nix mehr zu tun haben!“ ändert nicht wirklich etwas. Der „alte Kram“: Gewohnheiten, Verhaltens- und Denkmuster, Glaubenssätze, Einstellungen, Haltungen wirken in uns weiter, auch ohne dass wir dies wollen. Häufig umso mehr.

Meist entdecken wir irgendwann, dass wir den Eltern ähnlicher sind, als uns lieb ist. Oder wir werden von unseren Partnern daran erinnert „Du bist wie deine Mutter, wie dein Vater.“

 Schuldzuweisungen helfen auch nicht.

Auch das Gegenteil führt nicht wirklich weiter. Sich zu rechtfertigen mit der Ausrede „Meine Eltern sind schuld daran, dass …“ führt uns genauso wenig in die eigene Kraft.
Wir benutzen dann ihr „Versagen“ oder ihre „Schuld“ als Alibi.

Auch wenn die Erkenntnis, dass Eltern „sich etwas zu Schulden kommen lassen können“ durchaus befreiend sein kann. Etwa dann, wenn sie gegen grundlegende Aufträge von Kindern an Eltern verstoßen haben.

Aufträge an die Eltern

Zwei dieser Aufträge lauten: Schütze mich und Zeig mir, wie Leben gelingt. Der dritte Auftrag lautet: Entlasse mich beizeiten in mein erwachsenes Leben. Wisse, dass dein elterlicher Auftrag ein Auftrag auf Zeit ist. 

Viele, wenn nicht die meisten Eltern, versagen bei diesen Aufträgen oder Aufgaben. Manchmal auf geradezu bestürzende Art und Weise. Damit fügen sie ihren Kindern, ihren Schutzbefohlenen großen Schaden zu.

 Was hilft: Die eigene Wahrheit annehmen, fühlen und erkennen

Die Wahrheit heilt.
Und sie ist immer unsere eigene Wahrheit – und damit immer subjektiv.

Heilung kann immer dann geschehen, wenn wir erkennen, wahrnehmen und insbesondere fühlen, was in uns, unserer Seele vorgeht. Besonders dann, wenn wir gelernt haben oder gewohnt sind, diese eigene Wahrnehmung zu unterdrücken oder zu verleugnen.

Gerade im oft schwierigen Verhältnis zu den eigenen Eltern ist diese Unterdrückung häufig die Norm. Soziale oder religiöse Gebote „Du sollst deine Eltern lieben und ehren.“ überlagern meist unser eigenes authentisches Erleben. Oft verbieten sie es regelrecht. Oder es  ist die schiere Angst davor, bestraft zu werden – mit Liebesentzug, mit Schuldzuweisungen oder auf andere Weise – die uns darin hindert, unserem eigenen Erleben zu trauen.

So werden die in der Kindheit erlittenen Wunden und Beeinträchtigungen in unserer Seele „festgezurrt“ und bleiben. Und so wirken sie weiter.

 Gut gemeint, statt gut gemacht:
„Sie müssen ihre Eltern doch verstehen, ihnen verzeihen!“

Wir müssen bei uns selbst anfangen.
Damit unsere verletzte Seele wirklich heilen kann müssen wir anfangen, zunächst uns selbst zu verstehen, bevor wie „sie“ verstehen können.

Für die eigene Heilung ist es wichtig, daß  wir selbst die erlittenen Schmerzen und das uns zugefügte Leid würdigen. Auch sollten wir uns trauen, die Gedanken, dass „sie“ etwas an „uns“ verbrochen haben könnten, und vielleicht sogar „schuldig daran sind“ zulassen.

Die eigentliche Friedens-Mission beginnt in uns. Sie führt immer über die eigene Wahrheit, selbst wenn sie zunächst als unbequem erlebt wird oder gegen gängige Konventionen verstößt, etwa weil sie die Eltern zunächst nicht „verschont“.

Jede therapeutische Arbeit, die zu einer wirklichen Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte und zu wirklichem inneren Frieden beitragen soll, muss sich an dieser Aufgabe messen lassen.

 

Danke wenn Sie mir bis hierher gefolgt sind. 
Wenn das Thema Sie interessiert empfehle ich Ihnen auch meine Beiträge „Das Dilemma mit den Eltern I & II“ 

Herzlich 
Ihr Markus Klepper

Quellen

Foto
© wong yu liang – Fotolia.com

Verletzte Seele: Versöhnung mit der eigenen Kindheit
http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/psychologie-frieden-schliessen-mit-der-eigenen-kindheit-a-968114.html

Das Dilemma mit den Eltern – Teil I
http://markus-klepper.de/texte/das-kreuz-mit-den-eltern/

Das Dilemma mit den Eltern – Teil II
http://markus-klepper.de/texte/das-kreuz-mit-den-eltern-ii/

ONE Next Step – Training
www.one-next-step.de

Gerne teilen!

One Response to Verletzte Seelen – Eltern und Kindern, das Puzzle unseres Lebens

  1. Ute Pfeil sagt:

    Lieber Markus,
    Danke für deine Ausführungen, damit kann ich viel anfangen.
    Glg Ute

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.