Dilemma

 

Vorwort zur Einordnung

Die beiden Texte – das Dilemma mit den Eltern I & II – mögen für Manche(n) schwer verdaulich sein und Ängste schüren. Vielleicht erwecken sie den Eindruck, es solle ein Keil getrieben werden zwischen Eltern und Kinder und das oft schwierige Verhältnis zusätzlich belastet werden.

Mein Anliegen ist das genaue Gegenteil.
Ich veröffentliche sie hier, um einen Ansatz zu Heilung und Versöhnung zu beschreiben, der mir aus meiner therapeutischen Arbeit wichtig erscheint.

Mir ist bewusst, dass viele meiner Kollegen andere Wege gehen.

Häufig ermahnen sie ihre Klienten, früh – zu früh – zu verstehen und zu verzeihen und verhindern mit diesem therapeutischen Rat die notwendige wahrhaftige Aufarbeitung, die für wirklichen Frieden und Heilung unerlässlich ist.

Der erste und wichtige Schritt erwachsen zu werden ist, uns die Dynamik, die uns als Erwachsene Kind bleiben lässt – sehnsüchtig, bedürftig, beschönigend und unfrei – aufrichtig anzuschauen.

Wir müssen uns trauen, wahrhaftig und dem eigenen Erleben treu zu benennen was war und wie es war. Wir müssen, dem Mangel oder Leid, das wir als Kinder erlebt haben, unsere Aufmerksamkeit zuwenden und es damit würdigen. Wir müssen benennen, was gefehlt hat und auch was nicht in Ordnung war oder schlimm. Mindestens vor uns selbst.
Dadurch befreien wir uns aus der Verstrickung, die uns blockiert, lähmt und oft gefangen hält.

Dieser Ablösungsprozess ist oft schwierig. Die innere Auseinandersetzung rüttelt an überkommenen und „liebgewordenen“ Vorstellungen.

Jedoch – uns dieser Herausforderung zu stellen lohnt sich.
Die Freiheit und Verbundenheit, die daraus entsteht ist ein Geschenk für beide Seiten.

 

Eine Aufgabe für’s Leben

Das Dilemma

I. Wir sollen und wollen unsere Eltern lieben. Wir verdanken ihnen unser Leben, wir haben in ihnen unser erstes Vorbild. Wir sind ihr Fleisch und Blut, wir sind wie sie – meist viel mehr als wir wahrhaben wollen und uns lieb ist.

In Frieden mit ihnen zu sein, ihnen für das, was sie uns gegeben haben – unser Leben – zu danken, sie dafür zu lieben, ist eines unserer Grundbedürfnisse. Es ist eine Lebensaufgabe, die uns verfolgt. Solange bis wir sie erfüllt haben.

II. Wir sollen und wollen und müssen uns selbst lieben. Gelingt uns das nicht, scheitern wir im Leben. Dann ist alles, was wir je erreichen für die Katz. Unsere Selbst-Liebe, unser Selbst-Wert ist das energetische Rückgrat unseres Lebens, unsere Wirbelsäule. Und: Es ist unsere eigene Wirbelsäule, sie muss in uns heranreifen.

Kommt sie von außen, ist sie von anderen geborgt, fehlt etwas. Wird sie von außen bedroht, sind wir in Gefahr. Schützen wir uns gegen diese Bedrohung nicht, ist uns diese etwa nicht bewusst oder ihre Wirkung egal, verraten wir uns selbst. Dafür zahlen wir einen hohen Preis. Es kostet unser Leben.

Der Zusammenhang

Ähnlich wie in der Igel-in-der-Kälte-Metapher – zu viel Abstand: es wird kalt, zu viel Nähe: es tut weh – gelingt das delikate Zusammenspiel zwischen Verbundenheit und Eigenständigkeit nur höchst selten. Unsere Eltern haben das meist nicht gelernt, sie können oder wollen diese anspruchsvolle Gratwanderung nicht leisten. Meist sind/tun sie entweder zu wenig, zu viel oder das Falsche.

  • Damit beschädigen oder bedrohen sie die Selbst-Wert-Entwicklung ihres Kindes. Es spielt keine Rolle warum!
  • Häufig wird dies von uns Kindern für eine Weile nicht bemerkt. Wir können oder wollen es nicht wahrhaben. Schließlich sind es doch „unsere Eltern“.
  • Oft wird uns von wohlmeinenden Therapeuten vermittelt, dies sei nicht so schlimm, wir müßten unsere Eltern verstehen, ihnen verzeihen.
  • Manchmal scheitern unsere zaghaften ersten Versuche der Auseinandersetzung mit ihnen und wir geben auf.
  • Meist, wenn nicht immer, gehen sie mit schlechtem Gewissen oder Schuldgefühlen einher – denn eigentlich tut man das nicht, es sind doch „unsere Eltern“.
  • Meist führt dies dazu, dass das „Eltern-Thema“ verdrängt wird. Wir einigen uns auf einen unbefriedigenden Status quo und halten einen Pseudo-Kontakt aufrecht: wir rufen pflichtgemäß an, besuchen sie in politisch-korrekten Abständen, häufig mit einem distanziert-unfreundlichen Gefühl – eben „wie es sich gehört.“

Damit bleiben wir Kinder, selbst wenn wir längst „erwachsen“ sind. Wir fühlen uns verpflichtet, unverstanden, unfrei und im Ergebnis ohnmächtig.

Am schlimmsten dabei: die ursprüngliche Eltern-Kind-Dynamik bleibt weiter bestehen: Unsere eigene Wahrheit bleibt ungesagt. Unsere eigenen und angemessenen Gefühle bleiben unausgedrückt. Obwohl sich die tatsächlichen Machtverhältnisse verändert haben – wir sind die Bestimmer – fühlt es sich noch immer so an, wie damals. Und in unserer Seele ist es dann auch so!

Die Aufgabe

  • Wir müssen aus dieser Dynamik aussteigen, um unser eigenes Leben führen zu können.
  • Wir sind selbst für unsere Entscheidungen verantwortlich – und wir tragen die Konsequenzen dafür.
  • Wir sind niemandem Auskunft schuldig oder Rechenschaft pflichtig, außer den Menschen, die wir dazu selbst in unser Leben einladen.
  • Wir geben uns selbst die Erlaubnis für unser Tun und unser Lassen.
  • Wir sind die Macht in unserem Leben und wir haben die Macht über unser Leben. Wer denn sonst!?

Die Angst der Eltern

Zu erwarten, dass unsere Eltern diese Entmachtung großzügig billigen oder gar unterstützen ist naiv. Meist haben sie bewusst oder unbewusst Angst, Einfluss, Kontrolle oder Sicherheit zu verlieren. Und wer will das schon!?

Meist haben sie Angst uns zu verlieren. Manchmal spüren sie, dass dann wenn wir Abstand gewinnen und dadurch klarer sehen und fühlen, wir uns aus ihrem Bann lösen, Unangenehmes auf sie zukommt. Wir könnten auf dumme Gedanken kommen und das was früher „eben so war“ mit anderen, eigenen Augen sehen. Wir könnten Gefühle fühlen, die früher nicht erlaubt waren, Wut etwa. Wir könnten sie konfrontieren und zur Verantwortung ziehen, für das, was früher nicht in Ordnung war. Es könnte ungemütlich für sie werden, wenn wir erwachsen werden. Auf Augenhöhe.

Die Angst der Kinder

Erwachsene haben nicht nur mehr Spaß, mehr Macht, mehr Freiheit. Sie sind auch für alles selbst verantwortlich. Und sie haben keine Ausreden mehr. Sie können niemanden für ihr „Unglück“ verantwortlich machen. Und der Finger des Vorwurfs zeigt immer auf uns selbst.

Das will gelernt sein und ausgehalten werden. Diese Freiheit hat ihren Preis. Bequem ist das zu Anfang nicht. Besonders dann, wenn wir mit dem Erwachsen werden anfangen, wenn wir es eigentlich schon längst sein sollten. Das ist ähnlich wie mit Kinderkrankheiten, die um Jahre zu spät kommen.

Und auch die Sehnsucht, vielleicht das noch zu kriegen, was wir uns vielleicht als Kind so inniglich gewünscht haben: gesehen zu werden, angenommen und bestätigt zu werden, gut zu sein, uns geliebt zu fühlen – all das was uns immer wieder antreibt, zu hoffen, zu warten, zu bleiben – auch das müssen wir dann gehen lassen.

In Wirklichkeit werden wir jedoch dadurch frei, es dort zu finden, wo es auf uns wartet: bei unsern Partnern, Freunden, bei Menschen, die wir aktiv einladen in unser Leben. Menschen, die uns willkommen heißen, annehmen, verstehen.

Ein Leben lang fühlte ich mich von meinem Vater unverstanden. Was hab ich alles versucht, um seine Aufmerksamkeit, sein Wohlwollen, seinen „Segen“ zu erhalten. Es hat nicht funktioniert.

Schließlich sagte Peter Müller Egloff, mein inzwischen verstorbener Ausbilder in systemischer Therapie, zu mir, als ich wieder Mal einer Aufstellung sehnsüchtig oder vorwurfsvoll vor meinem Vater stand: „Und es kann sein, dass du das, was du bei deinem Vater suchst, ganz woanders findest, im Kloster etwa.“ Als hätte es innerlich Klick gemacht, war ich raus aus der bis dahin unerfüllten Sehnsucht. Dann konnte ich mich endlich auf den Weg machen.

Von meinem Vater hab ich all das danach gekriegt, besonders wichtig auch seinen „väterlichen Segen“ – Bub, genieß dein Leben. Etwas worum ich jahrelang gekämpft hatte. Gekriegt hab ich’s dann, als ich es nicht mehr von ihm brauchte, weil ich es inzwischen selbst gefunden hatte. Wiewohl sein Segen mich heute täglich begleitet und beflügelt.

Was es braucht, wie es geht …

Klarheit, Entschlossenheit, Aufrichtigkeit, Haltung

Wir müssen und können es ihnen meist nicht erklären. Auch haben wir keine echte Chance ihr Verständnis oder gar ihre Einwilligung zu erreichen. Und – für ihre Gefühle, ihre Angst, ihren Schmerz, ihr Leid, uns loszulassen sind wir nicht verantwortlich. Das sind ihre Gefühle und ihre Aufgaben. Es ist ihre Verantwortung, damit zu Recht zu kommen. Das geht uns nichts an.

Und – wir können damit großzügig und mitfühlend sein.

Zugleich müssen wir zu unserer Wahrnehmung und Wahrheit stehen!

Etwa in dem wir Ihnen sagen, schreiben, mitteilen:

  • Ich ziehe mich ein wenig zurück. Brauche Zeit für mich und ein wenig Abstand. Ich nehme ihn mir – und bitte um Verständnis.
  • Ich bin in einem Prozess der Klärung und der Selbsterkenntnis.
  • Wenn ich soweit bin werde ich euch teilhaben lassen an meinen Erfahrungen, so ihr dies wollt.
  • Macht euch bitte keine Sorgen um mich und um uns.
  • Es geht mir gut.

All das natürlich nur, wenn es keine „schlimmen Dinge“, Erfahrungen
vielleicht sogar „Verbrechen“ gab, die zunächst benannt, bekannt und ausgeglichen werden müssen.

Dann braucht es wesentlich mehr als das. Eine andere Landkarte und Strategie – und meist auch kompetente und engagierte Begleitung, um auszutragen, was auszutragen gehört.

Für unsere Eltern –

sind all diese Schritte eine noch größere Aufgabe und Herausforderung als für uns. Und meist haben sie dabei keine Unterstüzung, keine Vorbilder. Es fällt ihnen aufrichtig schwer zu verstehen. Und wir selbst können und sollten es ihnen nicht erklären, denn von uns nehmen sie es nicht gerne an. Der Schwanz wedelt nun mal nicht mit dem Hund.

Ein Text, der diese Brücke bauen kann, vielleicht, ist die wundervolle Abhandlung von Khalil Gibran.

Ich hab sein Buch, Der Prophet, meinen Eltern früh geschenkt. Es lag viele Jahre auf dem Nachttisch in ihrem Schlafzimmer. Das konnten sie verstehen, das hat sie berührt.

Von den Kindern

Deine Kinder sind nicht deine Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch dich, aber nicht von dir,
und obwohl sie mit dir sind, gehören sie dir doch nicht.

Du kannst ihnen deine Liebe geben,
aber nicht deine Gedanken,
denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

Du kannst ihrem Körper ein Heim geben,
aber nicht ihrer Seele,
denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen,
das du nicht besuchen kannst,
nicht einmal in deinen Träumen.

Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein,
aber suche nicht, sie dir gleich zu machen.

Denn das Leben geht nicht rückwärts
und verweilt nicht beim Gestern.

Du bist der Bogen, von dem deine Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden!

Der Schütze sieht das Ziel
auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht,
damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.

Lasst euren Bogen von der Hand
des Schützen auf Freude gerichtet sein.

Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt,
so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Khalil Gibran, arabischer Dichter

(1883-1931)