Befreiungsschläge

 Vorwort zur Einordnung

Die beiden Texte – das Dilemma mit den Eltern I & II – mögen für Manche(n) schwer verdaulich sein und Ängste schüren. Vielleicht erwecken sie den Eindruck, es sollte ein Keil getrieben werden zwischen Eltern und Kinder und das oft schwierige Verhältnis zusätzlich belastet werden. 

 Mein Anliegen ist das genaue Gegenteil. 

Ich veröffentliche sie hier, um einen Ansatz zu Heilung und Versöhnung zu beschreiben, der mir aus meiner therapeutischen Arbeit wichtig erscheint. 

 

Mir ist bewusst, dass viele meiner Kollegen andere Wege gehen. 

Häufig ermahnen sie ihre Klienten, früh – zu früh – zu verstehen und zu verzeihen und verhindern mit diesem therapeutischen Rat die notwendige wahrhaftige Aufarbeitung, die für wirklichen Frieden und Heilung unerlässlich ist. 

 Der erste und wichtige Schritt erwachsen zu werden ist, uns die Dynamik, die uns als Erwachsene Kind bleiben lässt – sehnsüchtig, bedürftig, beschönigend und unfrei – aufrichtig anzuschauen. 

 Wir müssen uns trauen, wahrhaftig und dem eigenen Erleben treu zu benennen was war und wie es war. Wir müssen, dem Mangel oder Leid, das wir als Kinder erlebt haben, unsere Aufmerksamkeit zuwenden und es damit würdigen. Wir müssen benennen, was gefehlt hat und auch was nicht in Ordnung war oder schlimm. Mindestens vor uns selbst. 

 Dadurch machen befreien wir uns aus der Verstrickung, die uns blockiert, lähmt und oft gefangen hält.

 Dieser Ablösungsprozess ist oft schwierig. Die innere Auseinandersetzung rüttelt an überkommenen und „liebgewordenen“ Vorstellungen. 

 Jedoch – uns dieser Herausforderung zu stellen lohnt sich.

Die Freiheit und Verbundenheit, die daraus entsteht ist ein Geschenk für beide Seiten. 

 

Wenn es Schlimmes im Leben gab, ausgelöst oder mitverschuldet durch die eigenen Eltern

Die folgenden Gedanken zum Verständnis und zum angemessenen Umgang mit dieser schwierigen Aufgabe habe ich mir nicht alleine ausgedacht. Das Meiste habe ich von klugen und mutigen Lehrern gelernt und in meiner eigenen Arbeit und Praxis geprüft.

Eltern, die Verbrechen begehen, sind Verbrecher

In unserem Seminar Systeme und und Energie benennen und besprechen wir die drei wesentlichen Aufgaben der Eltern.
Sie ergeben sich aus den Aufträgen der Kinder:

  1. Schütze mich
  2. Zeige mir wie man lebt. Sei mir ein Lebens-Vorbild
  3. Wisse: dies sind Aufträge auf Zeit. Lass mich bei Zeiten gehen

In der systemische Familientherapie werden diese Aufträge als Teil I des Generationenvertrages zwischen Eltern und Kindern benannt.

Kinder brauchen diese Unterstützung ihrer Eltern, um gesund, fit für’s Leben und mit einem tragfähigen Selbstwert ausgestattet ihre Reise in die Welt meistern zu können. Und für einige Jahre sind meist die Eltern die einzigen und wichtigsten „Lieferanten“ dieser Leistungen.

Viele wissen nicht um diesen Auftrag, viele sind dazu nicht in der Lage. Das ist traurig und kann berücksichtig werden – jedoch erst dann wenn der ursprüngliche Schaden benannt und geheilt ist (!)

Erfüllen Eltern einen oder mehrere dieser Aufträge nicht oder schlecht, haben sie dadurch „etwas verbrochen“. Verbrecher sind sie dadurch noch nicht!

Häufig genügen Benennung, Ermahnung und Bußgeld – etwas Abstand, ein anderer selbstbewusster Umgang, kleine Schritte. So wie in meinen Beitrag – Das Dilemma mit den Eltern – benannt.

Diese meist für uns Kinder um den Preis von schlechtem Gewissen oder gar Schuldgefühlen erkaufte neue Freiheit ist nach einer Weile für beide Seiten wohltuend und segensreich. Die alte enge, die natürliche Entwicklung und Entfaltung behindernde Dynamik, macht einer neuen, reifen und erwachsenen Beziehung auf Augenhöhe Platz.

Und in ganz vielen Fällen – in den meisten Fällen (!) – genügt dies. Mehr braucht es nicht. Die Mühen und Anstrengungen auf beiden Seiten sind gut investiert – es sind Wachstumsschmerzen, growing pain.

Manchmal ist es jedoch mit einem Bußgeld nicht getan, manchmal braucht es mehr!

Wenn Eltern, Schutzbeautragte (!), ihre reale Macht missbrauchen, um Kindern etwas zuzumuten, was ihr Vertrauen in sich selbst, ihre eigene Wahrnehmung und Empfindung nachhaltig beschädigt, wenn sie die körperliche, seelische oder geistige Integrität ihrer Schutzbefohlenen misshandeln … dann begehen sie Verbrechen.

Dann (!) sind sie Verbrecher.
Und jeder, der dies in Abrede stellt, wird zum Komplizen.
Egal wer, egal warum.

Da viele dieser Missbrauchs-Verbrechen im System Familie begangen werden, dort wo ‚eigentlich‘ ganz andere Energien sein sollten, dort wo wir uns anderes wünschen, anderes brauchen, anderes erwarten, ist hier die Gefahr der Komplizenschaft besonders groß:

  • Die Mama, die nix wissen wollte oder weggeschaut hat,
  • Geschwister, Freunde, später Therapeuten, die uns schützen wollen –
  • und häufig genug: wir selbst. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

So werden aus Mitwissern – Opfern – Täter!

So ungemütlich es auch klingt, so sehr wir uns vielleicht dagegen sträuben:

Wer dann, wenn er eigentlich kann, weil er erwachsen ist, weiter schweigt und die erlittenen Verbrechen beschönigt, nicht wahrhaben will, wird selbst zum Täter. Sie/Er wird zum Komplizen, der seine eigene Heilung gefährdet oder gar opfert.
Heilung geschieht auf diese Weise nicht.

Mehr derselben Strategie führt zu mehr Verstrickung, zu mehr Leid.

Verbrechen müssen benannt werden!

Nur was wir benennen, können wir auch loslassen! – nach Seneca
Anerkennung dessen was ist oder war, schafft die Grundlage für Veränderung, Entwicklung, Heilung – nach Carl Rogers

Wir erleben es immer wieder im Großen wie im Kleinen: Egal wie schlimm die Verbrechen auch waren, um die es geht, was immer (!) so sehnsüchtig erwartet wird und leider so häufig ausbleibt, damit Heilung geschehen kann, ist eigentlich nicht viel.

Ob bei Hartmut von Hentig oder Rolf Becker, die als Leuchtgestalten der Reformpädagogik verantwortlich sind für all das Schreckliche, was in deren Namen etwa an der Odenwaldschule geschah, ob beim Klerus gleich welcher Religion, der all die unsäglichen Missbrauchsfälle im Namen Gottes zugelassen hat, ob bei G.W. Bush, Donald Rumsfeld für Abu-Ghuraib u.v.m. … oder ob in unserer kleinen privaten Welt.

Was fehlt, damit es „weiter gehen kann“ ist meist nicht viel.
Das Bekenntnis und Eingeständnis „Ja, es stimmt“ – und idealerweise die aufrichtig benannte Bitte um Vergebung.“Ja, es tut mir leid!

Ist das zuviel verlangt!?

Wieviel Erlösung wäre dann möglich für beide Seiten?
Und wieviel tragisches Leid wird dadurch erzeugt, dass genau dies verweigert wird?

Wir haben es nicht in der Hand, andere dazu zu zwingen, diesen Sprung über den eigenen Schatten zu wagen. Das liegt nicht in unserer Macht und das ist gut so.
Wenn wir uns jedoch nicht einmal trauen, zu benennen, was unser Erleben ist, wenn uns dieser Aufwand zu hoch, die Herausforderung zu groß erscheint, woher sollen dann die Impulse zur Heilung kommen?

  • Ja, es gibt starke Kräfte, die dagegen arbeiten:
  • die eigene Scheu und Scham, „Das tut man nicht.“
  • die eigene Bereitschaft zur Rationalisierung, „Nimm dich nicht zu wichtig. So schlimm war das doch gar nicht.“
  • die Angst, Fehler zu machen, „Und was, wenn du dir das alles nur einbildest, ein Alibi suchst?
  • die Drohungen und Ängste aus dem System, „Was wenn sie/er sich umbringt?
  • die Angst vor Verfolgung und Gegenangriff
  • die Angst, weil‘s dann, wenn man sich aus der Deckung wagt, häufig keinen Schutz gibt …

Deshalb ist es hier so wichtig mit professioneller Unterstützung eine angemessene Strategie zu entwickeln. Alleine, spontan und von den eigenen Emotionen und verständlichen Rachegefühlen geleitet geht das meistens schief. Vorsicht!

Ist es wahr !?

Und natürlich sei an dieser Stelle auch darauf hingewiesen, dass nicht jede Erinnerung, nicht jede Ahnung, jedes Gefühl als Beweis betrachten werden kann und darf!

Eindeutige Beweise sind selten und nach vielen Jahren nur schwer zu erbringen. Oft sind es Indizien, die verantwortungsvoll gewichtet und zusammengefügt werden müssen.

Wie schwierig auch das ist, selbst wenn es sich um zeitnahe Ereignisse handelt, haben wir zuletzt beim Kachelmann-Prozess miterlebt oder bei Dominique Strauß Kahn. Es ist vermientes Gelände!

In USA haben nach meiner Info etwa 2500 Psychotherapeuten ihre Lizenz verloren, weil sie dem gängigen Ansatz gefolgt sind, Magersucht sei eine Folge von sexuellem Missbrauch, und ihre Patienten zu Prozessen gegen ihre Eltern inspiriert haben. Nachdem dies gerichtlich meist nicht eindeutig zu beweisen war, starteten die betroffenen Eltern zum Gegenangriff und die Kollegen verloren ihre Lizenz.

Heilige und heilende Wut – „Rache ist Blutwurst

Auch wenn es nicht in das naive Bild einer heilen Welt passt, unsere idyllische Puppenstube zerstört:

Die Welt, in der wir leben, ist weder fair noch gerecht, sie hat, wie ich finde, eine Menge Licht, aber auch jede Menge Schatten. Und was die Welt unserer Gefühle anbelangt gilt: Manchmal tut Wut richtig gut. Sie kann heilend und heilsam sein. Heilige Wut!

Auch das Bedürfnis nach Rache oder Wiedergutmachung gehört zu den Grundbedürfnissen von Menschen. Es schafft den Ausgleich, setzt Grenzen und stellt verloren gegangenes Menschenrecht wieder her. Es ist gewissermaßen in unserer humanistischen DNA verwurzelt.

Glücklicherweise haben sich die Formen, in denen dies geschieht, im Laufe der Entwicklung der Zivilisation verändert! Das Prinzip des gerechten Ausgleichs jedoch bleibt.
Wer nicht hören will, muss fühlen. Und wer etwas verbrochen hat, muss dafür büßen oder zahlen.

Wir anerkennen dies in allen Bereichen unseres menschlichen Miteinanders, wir zahlen Schmerzensgeld, Entschädigungszahlungen.

Warum soll dies bei den schlimmsten Schädigungen und Verbrechen, die es gibt, bei Verbrechen gegen die Würde des Menschen, begangen von denen, deren Aufgabe eine ganz andere war, außer Kraft gesetzt werden?!

Das Prinzip ist wichtig, an ihm führt kein Weg vorbei. Die Form, in der dies angewandt und umgesetzt wird, muss ihm Rechnung tragen, genau wie der besonderen individuellen Situation.

Und auch hier ist die Variante ‚Marke Eigenbau‘ häufig unpassend. Schnell macht man hier entweder zuviel oder zuwenig oder man wählt einen unpassenden Weg.

Verstehen, Verzeihen, Versöhnen – ein Jegliches zu seiner Zeit

Wir Menschen halten Groll und große Wut nicht lange unbeschadet aus. Wir sind dafür nicht gemacht. Beides macht uns krank. Wir brauchen Vergebung und Verzeihen. Und wir sind in der Lage dazu. Unser Bewusstsein macht dies möglich!
Nur dann, wenn wir diese Gabe der Evolution nutzen – verstehen, vergeben, verzeihen – finden wir inneren Frieden. Nur dann sind wir sicher. Safe and well again!

Dies gilt umso mehr bei den Menschen, die uns nahestehen, bei denen, die wir lieben, denen wir etwas verdanken. Natürlich gilt das besonders auch für unsere Eltern. Auch das ist in unserer DNA verankert.

Wir wollen und sollen und müssen unsere Eltern lieben und wir sind ihnen zu Dank verpflichtet.
Denn ohne sie wären wir nicht.

Manchmal ist der Weg dahin leicht und einfach, manchmal ist er beschwerlich und lang. Und manchmal dauert er ein Leben lang. Und häufig gelingt er nur dann, wenn Unrecht – Verbrechen – angemessen benannt, gewürdigt und auf irgendeine Weise auch gesühnt wurden.
Selbst die Strafe lebenslänglich, für Mord und sogenannte Kapitalverbrechen, dauert heutzutage nur eine begrenzte und überschaubare Zeit.

Wenn schlimme Dinge geschehen sind – und darum geht es hier – ist meist die Sehnsucht nach einem schnellen Happy End besonders stark. Bei uns selbst und manchmal auch bei denen, die uns begleiten.
Und besonders hier brauchen wir Vertrauen, Geduld und manchmal ganz viel Zeit. Womöglich ein Leben lang.

Wie doch noch Friede einkehren kann …

Es gibt eine Kraft die zu Heilung beitragen kann, auch dann, wenn Schlimmes geschehen ist. Es ist die tiefe Sehnsucht nach Frieden und Verbundenheit, das was Eltern und Kinder jenseits von allem anderen verbindet.

In meiner therapeutischen Praxis und der Arbeit mit Menschen in Seminaren erlebe ich sie immer wieder. Es scheint, als hörte diese Sehnsucht niemals auf. Vielleicht ist auch dies ein Wesensmerkmal unserer Psyche.

Damit besteht grundsätzlich immer und auch dann, wenn Schlimmes geschehen ist, die Chance für Seelen-Frieden, zumindest ein wenig davon.

Dieser Frieden braucht einen Raum, in dem er entstehen kann.

Im folgenden benenne ich, welche Möglichkeiten es dazu aus meiner Erfahrung gibt und welche Schritte dazu notwendig sind:

Frieden durch Akzeptanz

  • Das was geschehen ist muss anerkannt und gewürdigt werden
  • Auf „Täter-Seite“ muss dies ohne Rechtfertigung und Ausflüchte geschehen. Auch wenn es sicher Gründe dafür gab dürfen diese nicht zur Rechtfertigung herangezogen werden. „Ich konnte nicht anders.“ „Auch ich hatte es schwer.“ „Was hätte ich denn machen sollen?“
    Ausreden und Beschwichtigungen haben wir alle genug gehört. In diesem Fall wirken sie wie eine erneute Demütigung.
  • Auf „Opfer-Seite“ muss offen und deutlich benannt werden dürfen, was tatsächlich war. Worte und Namen sind hier wichtig.
    Missbrauch“ darf und muss auch so benannt werden.
    Verniedlichungen oder Rationalisierungen führen nicht zur Erlösung.

Diese „Akzeptanz-durch-Benennen“  findet zunächst in der eigenen Psyche und Bewertung statt und hat dadurch die Kraft die eigene Haltung zu verändern.

  • Ob darüber je offen gesprochen werden kann, hängt von der Bereitschaft aller Beteiligten ab. Oft wird dies nicht möglich sein.
  • Es ist nach meiner Erfahrung nicht unbedingt erforderlich. Häufig überfordert es.

Therapeuten, die ihre Patienten etwa auffordern, ihre Eltern Jahre später und oft aus „heiterem Himmel“ anzuklagen erweisen ihnen damit meist keinen guten Dienst.

Frieden durch Ausgleich und „Wiedergutmachung“

  • Ausgleich und Wiedergutmachung können auch „inkognito“ geschehen.
  • Gesten oder Handlungen der Wiedergutmachung können sein:
    • Verzicht auf Vorwürfe und Forderungen
    • Großzügigkeit
    • Finanzielle oder andere Zuwendungen
    • Alles was dem, der geschädigt wurde, ein Gefühl des Ausgleichs oder der Wiedergutmachung  vermittelt

Sie wirken nur dann Friedens-stiftend, wenn keine Gegenleistung dafür erwartet oder verlangt wird, etwa Dankbarkeit.

  • Sobald sie als „Deal“ oder Strategie als „Ablasshandel“ erkannt werden, werden sie meist nicht angenommen oder sie sind wertlos.

Frieden durch innere und Seelenarbeit

  • Gibt es im realen Kontakt keinerlei Möglichkeit der Befriedung mehr oder ist dieser Kontakt nicht mehr möglich, bleibt als „letzte Möglichkeit“ die innere Seelenarbeit.
  • Sie ist auch zusätztlich immer wertvoll.
  • Hier können all die Schritte – Benennen, Anerkennen, Versöhnen, Verzeihen, Heilen – im Schutz des eigenen Inneren vollzogen werden.
  • Dies kann über geführte Meditiationen oder in hypnotherapeutischer und Trance-Arbeit geschehen.
  • Auch eine kraftvolle spirituelle Geisteshaltung – Vergebung, Demut  – kann dies bewirken.

Bei sehr schweren Schädigungen und tiefen Traumata ist ein wirklicher Seelenfriede ohne diese innere Arbeit kaum erreichbar.

  • Stets ist dabei jedoch zu beachten, dass Frieden erst dann und nur dann entsteht, wenn die tatsächliche Gefahr und die destruktive Dynamik tatsächlich vorbei ist.
  • Wer versucht, die notwendigen Schritte zu Schutz und Abgrenzung zu entgehen und damit dazu beiträgt, dass die alte bedrohliche Dynamik immer weiter geht, wird auch durch Meditation und innere Arbeit keinen wirklichen Frieden finden.

Frieden kann erst dann entstehen, wenn der Krieg und der Kampf vorbei ist.

Und bei allem gilt der wundervolle Satz von Mahatma Gandhi

Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.